Load Carrier Management – eine neue Software-Kategorie

Man mag es kaum glauben, aber weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit gab es bis vor kurzem noch einen weißen Fleck in der Softwarelandschaft logistischer Wertschöpfung. Dabei handelt es sich nicht einfach um ein weiteres digitales Werkzeug oder ein neues KI-Feature, sondern um eine regelrecht neue Software-Kategorie. Das ist umso erstaunlicher, da sich alles um das grundlegendste Thema der Logistik dreht: die Palette – oder allgemeiner: der Ladungsträger.
Die gesamte Logistik steht darauf, und ohne Ladungsträger wäre der logistische »Dreikampf« aus Transport, Umschlag und Lagerung so ineffizient wie vor 70 Jahren, als Container und Europalette noch nicht erfunden waren. Die Herstellung, Bereitstellung und der Tausch von Paletten werden seit Jahrzehnten durch Produzenten, Logistikdienstleister oder Pooler organisiert. Betrachtet man die wirtschaftliche Dimension, wird schnell deutlich, worum es geht: Bei vielen Logistikdienstleistern dürfte der Wert der im Umlauf befindlichen Ladungsträger den jährlichen EBIT übersteigen, bei manch einem Handelsunternehmen sieht es ähnlich aus. Hinzu kommen nicht unerhebliche operative Kosten, da Mitarbeitende täglich Lieferscheine prüfen, Bestände erfassen und Differenzen klären.
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Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum das Management von Ladungsträgern nicht längst im Fokus von Beratung und Softwareentwicklung steht – geht es doch um Millionen. Die Antwort ist so simpel wie grundlegend. Zum einen haftet dem Thema bis heute etwas Unscheinbares oder »Uncooles« an, das seinem ökonomischen Gewicht in keiner Weise gerecht wird. Zum anderen – und das ist fast noch erstaunlicher – lässt sich das Ladungsträger-management (Load Carrier Management, LCM) nicht ohne Weiteres in bestehende Softwarekategorien einordnen. Denn Warehouse-Management-Systeme, Materialfluss-steuerungen oder Supply-Chain-Lösungen denken linear von der Quelle zur Senke und entlang von Prozessketten – nicht ohne Grund spricht man vom Supply Chain Management. Ladungsträger hingegen bewegen sich zwischen diesen Systemwelten.
Zwar werden sie in den gleichen Netzwerken transportiert, aber sie werden unabhängig von der eigentlichen Ware erfasst, saldiert, getauscht, gepoolt oder zurückgeführt. Geht ein Beleg verloren oder wird ein Vorgang nicht korrekt dokumentiert, verschwindet die Palette schnell aus der Wertschöpfungskette und endet nicht selten als improvisiertes Möbelstück in der Kellerbar. Um dies zu verhindern, müssen Bestände unternehmensübergreifend erfasst und abgestimmt werden. Zudem verändern Ladungsträger im Laufe ihres Lebens ihren Zustand und damit ihren Wert, von neuwertig (1A) bis stark gebraucht (Klasse C). Werden diese Qualitäten nicht sauber erfasst, entstehen schnell zusätzliche Verluste. Genau hier zeigt sich die strukturelle Lücke: Klassische Systeme sind nicht dafür ausgelegt, zugleich zu tauschen, zu bewerten und Bestände zu führen, die physisch bei einem anderen Unternehmen stehen. Völlig aus den Fugen geraten Software und Mitarbeitende, wenn nur ein Teil getauscht, ein anderer Teil direkt verrechnet wird und schließlich ein Dritter feste Umrechnungen für den Qualitätstausch voraussetzt. Dies resultiert in völlig fragmentierten Prozessen und die naheliegende Folge sind manuell gepflegte Excel-Listen, die per E-Mail abgeglichen werden – ein Vorgehen, das angesichts der Größenordnungen kaum noch zeitgemäß erscheint.